Kopfüber zum Trocknen aufgehängte Kräuterbündel – Ritualkräuter und Hexenkräuter zum Räuchern

Äh, was bitte sind denn Ritualkräuter, Hexenkräuter und Gewitterkräuter?

15. August 2026

Auch in der Ethnobotanik (der Lehre von der Beziehung zwischen Mensch und Pflanze) werden Pflanzen gruppiert und zusammengefasst. So liest man, wenn man sich dafür interessiert, von Heilpflanzen, Giftpflanzen, Arzneipflanzen, Medizin- und Kräuterpflanzen, Futterpflanzen, Nutzpflanzen, Gewürz- und Aromapflanzen, Zeigerpflanzen sowie Alltags- und Multifunktionspflanzen (manche der Namen sind selbsterklärend).

Was aber genau ist mit diesen Kräutern gemeint?

Hexenkräuter · Ritualkräuter · Gewitterkräuter?

In diesem Beitrag will ich das kurz erklären. Alle drei haben gewissermaßen auch mit Räuchern zu tun. Und interessanterweise tauchen in allen drei Gruppen immer wieder dieselben Pflanzen auf. Willst du mehr zu einzelnen Pflanzen erfahren, dann schau dir meinen Blogartikel Kräuterlexikon – 99 Räucherpflanzen an.

Was sind Ritualkräuter?

Ritualkräuter sind Pflanzen wie Beifuß, Eisenkraut, Königskerze, Salbei, Kalmuswurzel, Holunder, Engelwurz (Angelikawurzel), Johanniskraut, Rainfarn und die Schafgarbe.

Alle diese Kräuter wurden und werden für Rituale eingesetzt – also bei Ritualen verwendet und auch verräuchert, um Rituale zu verstärken. Der aufsteigende Rauch war dabei nie Dekoration, sondern Träger: Er sollte die Absicht sichtbar machen, den Raum klären und den Moment vom Alltag abgrenzen.

Drei Beispiele, die zeigen, wie tief das reicht:

  • Beifuß gilt als „Mutter aller Kräuter" und ist wohl die am häufigsten verräucherte Ritualpflanze Europas.
  • Eisenkraut hieß bei den Römern herba sacra, heiliges Kraut. Mit ihm wurden Altäre gereinigt.
  • Königskerze wurde in Wachs getaucht und als Fackel genutzt – daher Namen wie „Himmelbrand". Im geweihten Kräuterbuschen steht sie traditionell in der Mitte.

Zwei Pflanzen aus der Liste hat heute kaum noch jemand auf dem Schirm – dabei haben gerade sie die schönsten Geschichten.

Die Kalmuswurzel stammt ursprünglich aus Asien und kam über die alten Handelswege nach Europa. Im Mittelalter war sie so begehrt, dass man sie „Deutscher Ingwer" nannte. Getrocknet und verräuchert duftet sie süßlich-würzig, fast ein wenig nach Vanille und Zimt zugleich. In Klöstern und Kirchen streute man Kalmus über Jahrhunderte auf den Boden: Man lief darüber, das Kraut wurde zerdrückt, und der Raum füllte sich mit Duft. Eine Art Räuchern ohne Feuer.

Der Holunder wiederum war der Baum am Haus. Frau Holle soll in ihm wohnen, und in vielen Gegenden zog man den Hut, wenn man an ihm vorbeiging. Ihn zu fällen brachte Unglück – deshalb steht er bis heute an so vielen alten Höfen. Verräuchert wurden Blüten und Blätter, meist zum Schutz des Hauses und aller, die darin leben.

Ritualkraut ist also keine botanische Kategorie, sondern eine Rolle, die Menschen einer Pflanze über Generationen gegeben haben.

Was sind denn Zeigerpflanzen?

Kleiner Exkurs: 

Zeigerpflanzen – oder Indikatorpflanzen – haben nicht zwingend etwas mit Räuchern zu tun. Sie helfen dir dabei, den Boden zu lesen, auf dem du stehst. Denn welche Pflanze wo wächst, ist kein Zufall: Sie verrät die bodenkundlichen Eigenschaften ihres Standorts.

Ein paar Beispiele:

Pflanze Was sie dir über den Boden verrät
Brennnessel sehr stickstoffreich, oft ehemalige Lager- oder Mistplätze
Ackerschachtelhalm verdichtet, staunässe, lehmig
Huflattich verdichteter, lehmiger Rohboden
Weißklee eher mager und stickstoffarm
Sauerampfer saurer Boden
Gänseblümchen verdichteter, oft betretener Boden

Für alle, die Räucherpflanzen selbst sammeln, ist das trotzdem Gold wert: Wer den Boden lesen kann, weiß, wo er suchen muss – und wo besser nicht.

Was sind denn Gewitterkräuter?

Beifuß, Rainfarn, Königskerze, Johanniskraut, Eisenkraut, Schafgarbe, Waldweihrauch (Fichten- oder Kiefernharz) und Eberesche – das ist fast die klassische Liste der traditionellen Gewitterkräuter, auch Wetterkräuter oder Donnerkräuter genannt.

Sie wurden früher zu einem Buschen gebunden und zu Mariä Himmelfahrt am 15. August geweiht, dem großen Kräutertag im Jahreslauf. Regional kennt man den Brauch auch von Fronleichnam oder vom Palmsonntag. Der geweihte Buschen wurde übers Jahr aufbewahrt – und wenn ein schweres Gewitter aufzog, legte man einen Zweig davon ins Herdfeuer. Der Rauch sollte Haus und Hof vor Blitzschlag schützen.

Zwei Pflanzen verdienen dabei besondere Erwähnung. Die Eberesche galt als Baum mit Blitzschutz-Symbolik: Ihre roten Beeren tragen am unteren Ende einen kleinen fünfzackigen Stern, für die Menschen früher ein Schutzzeichen. Und die Hauswurz trägt den Beinamen „Donnerbart" – sie wurde auf Dächer gepflanzt, um den Blitz abzuhalten.

In unserer Räuchermischung Donner & Wetter verwenden wir ebenfalls Eberesche, Königskerze und weitere Kräuter – um Spannungen und „dicke Luft" in Räumen nach heftigen Diskussionen, Ärger oder Streit zu klären und zu reinigen.

Ein Hinweis zum Rainfarn: Er enthält Thujon. Beim Räuchern also sparsam dosieren und den Raum danach gut lüften.

Was sind Hexenkräuter?

Die Hexenkräuter habe ich mit den klassischen Kräuterhexen-Pflanzen befüllt: Beifuß, Schafgarbe, Eisenkraut, Salbei, Engelwurz, Kalmus, Holunder, Königskerze und Johanniskraut. Diese Neun findet man in fast jeder Kräuterhexen-Tradition wieder – von der Klostermedizin über die Volksheilkunde bis zu den Kräuterbuschen, die heute noch gebunden werden. Es waren die Alltagshelfer der kräuterkundigen Frauen: getrocknet, als Tee aufgegossen, in Öl ausgezogen – und eben verräuchert.

Willst du eine Hexen-Mischung räuchern – dann schau dir mal unsere Räuchermischung Hexenliebe an. 

Wichtig zu wissen: Historisch meint „Hexenkräuter" manchmal auch etwas ganz anderes, nämlich die Pflanzen der sogenannten Hexensalben – Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel und Alraune. Diese Nachtschattengewächse sind hochgiftig und gehören weder in einen Tee noch ins Räuchergefäß. In meinen Mischungen findest du sie selbstverständlich nicht.

Wenn du also „Hexenkräuter" liest, lohnt sich der zweite Blick: Sind die Heilkräuter der weisen Frauen gemeint – oder die Giftpflanzen der Legenden?

Dieselben Pflanzen – drei Schubladen

Ist dir aufgefallen, dass immer wieder dieselben Namen auftauchen? Beifuß, Schafgarbe, Eisenkraut, Königskerze und Johanniskraut stehen in allen drei Listen.

Das ist kein Zufall. Es waren die Pflanzen, die überall wuchsen: am Wegrand, auf der Weide, hinter dem Stall. Verfügbar, kräftig im Duft, das ganze Jahr über nutzbar. Menschen haben ihnen deshalb über Jahrhunderte immer neue Aufgaben gegeben – heilen, schützen, segnen, wettern. Die Schublade sagt am Ende also mehr über uns aus als über die Pflanze selbst.

Wann räuchert man diese Kräuter?

Die alten Kräuter hatten ihre Zeiten – und die richten sich bis heute nach dem Jahreslauf.

Zur Sommersonnenwende an Johanni (24. Juni) stehen die Kräuter in vollem Saft. Johanniskraut, Beifuß und Schafgarbe werden traditionell an diesem Tag gesammelt. Den Beifuß trug man als Gürtel und warf ihn am Abend ins Johannisfeuer – mit ihm sollte alles verbrennen, was einen das Jahr über belastet hatte.

An Mariä Himmelfahrt am 15. August wird der Kräuterbuschen gebunden und geweiht, der große Kräutertag, von dem oben schon die Rede war. Neun, zwölf oder mehr Kräuter, je nach Region und Tradition.

In den Rauhnächten zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar wird schließlich geräuchert wie sonst nie im Jahr. Haus und Stall wurden Nacht für Nacht ausgeräuchert, um das alte Jahr zu verabschieden und das neue zu segnen. Wer damit anfangen möchte, findet in unseren Rauhnächte-Mischungen den passenden Einstieg.

Und dazwischen liegen die acht keltischen Jahreskreisfeste – von Imbolc bis Samhain – zu denen jeweils eigene Kräuter und eigene Mischungen gehören.

Und wie räucherst du damit?

Ganz klassisch, auf zwei Wegen: auf dem Räuchersieb mit einem Teelicht als Wärmequelle darunter – der Duft bleibt mild und fein. Oder auf Kohle, in einem feuerfesten Gefäß mit mindestens zwei Zentimetern Räuchersand darunter – deutlich intensiver und genau richtig, wenn es ums Klären und Reinigen geht. Dosiere lieber zu wenig als zu viel und gib bei Bedarf nach. Am schönsten wirkt das Räuchern, wenn du dir vorher einen Moment Zeit nimmst und dir überlegst, worum es dir eigentlich geht.

Ritualkräuter, Hexenkräuter, Gewitterkräuter – drei Begriffe, ein gemeinsamer Kern. Es sind die Pflanzen, mit denen Menschen sich seit jeher geerdet, geschützt und verbunden haben. Und der Rauch war dabei immer die Brücke.

Räuchermischungen für die Sinne – & mit Liebe von Hand gemischt.

Andreas Mittmann Kräuterpädagoge · Räucherexperte · Gründer MAFUMO Räuchermanufaktur

Andreas Mittmann Kräuterpädagoge · Räucherexperte · Gründer MAFUMO Räuchermanufaktur

"Räuchern begleitet mich seit vielen Jahren – als Ritual, als Wissen, als Leidenschaft. Mit MAFUMO möchte ich altes Kräuter- und Räucherwissen lebendig halten und zugänglich machen."


Hinweis: Räucherwerk ist nicht zum Verzehr geeignet. Von Kindern und Tieren fernhalten. Nicht während der Schwangerschaft räuchern. Räume gut lüften.